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Groß denken? Will ich nicht.

Ich ziehe meine Knie an mich heran, mache es mir auf dem quietschenden Rattanstuhl so gut es geht bequem und greife nach der Tasse Tee, die vor mir steht und leichte Dampfwolken aufsteigen lässt. Der Tee ist noch zu heiß, also warte ich, stelle die Tasse wieder ab und werfe einen Blick durch das Fenster raus in den immer dunkler werdenden Himmel über Berlin.



"Du musst groß denken!" sagt er und verschwindet im Flur.



Mittlerweile bin ich über zwei Stunden hier und komme zum ersten Mal zu einer kleinen Denkpause, während mein neuer potenzieller Vermieter und Mitbewohner auf die Toilette verschwunden ist. Die Wohnung ist sehr schön, hohe Decken, ein großes lichtdurchflutetes Zimmer, alte Holzdielen und eine große Küche. Alles in allem sehr schön, denke ich.

Aber muss ich das denn wirklich? Muss ich groß denken? Was, wenn ich das gar nicht will? Wieso MUSS ich das? Wer sagt das? Und warum? — überlege ich, während ich einer Taube dabei zusehe, wie sie es sich auf dem Balkongeländer der Nachbarn gemütlich macht.

"Gib dich nicht mit weniger zufrieden." sagt er, stellt ein Glas mit Kokosblütenzucker auf den Tisch und setzt sich wieder gegenüber von mir auf seinen ebenfalls quietschenden Rattanstuhl.



"Wenn du ein Baum sein kannst, wieso willst du dann eine Blume sein?", fragt er.

"Was ist, wenn ich gerne eine Blume bin? Wenn ich es liebe eine Blume zu sein. Ich blühe, ich entfalte mich, in all meiner Schönheit und bin zufrieden damit, was ich bin. Was ist verkehrt daran? Eine Blume zweifelt niemand an, sie darf sein, was sie ist. Wieso darf ich nicht klein denken und damit zufrieden sein, wenn es das ist, was ich will und zu mir passt? Ist es nicht Zeit- und Energieverschwendung ein Baum sein zu wollen, wenn du eigentlich eine Blume bist?"



Es ist nicht so, dass ich mich selbst klein halten wollen würde, ganz im Gegenteil. Wachstum ist einer der wichtigsten Werte. Aber groß denken tue ich trotzdem nicht. Will ich gar nicht. Jetzt könnte man meinen, da wäre ein Glaubenssatz oder ein Programm in mir am laufen, aber so ist es nicht.



Sowas wie "Erschaffe dir ein außergewöhnliches Leben!" klang für mich noch nie verlockend oder sonderlich erstrebenswert.



Personen, die das sagen, fragen nicht, ob das etwas ist, was ich will oder ob das zu mir, meinen Werten oder meinen Vorstellungen von einem erfüllten Leben passt. Natürlich fragen sie nicht, sie kennen mich nicht. Doch aus ihren Mündern klingt es danach, als gäbe es nur diesen einen Weg und klein denken, das geht gar nicht. Wieso eigentlich nicht? Ich habe Träume und ich habe Wünsche.



Und ich mag es, dass sie klein und gewöhnlich sind.



Wir leben in einer Welt, in der es immer darum geht mehr zu sein, mehr zu haben, mehr zu machen, immer größer und erfolgreich zu werden. Erfolg wird daran gemessen, wie viel du machst und wie viel du hast, daran, wie groß du bist.

Je mehr und je größer, desto besser.

Ständig wird uns eingetrichtert, dass wir Dinge brauchen, die uns angeblich glücklich machen und zwar immer das neueste davon, immer mehr davon. Dabei sind das alles nur leere Versprechungen von Glück und Erfüllung, die aber mit diesen gekauften Dingen – Überraschung – nicht eintreten werden.



Immer größer, immer mehr, immer weiter — auch in der Welt der Persönlichkeitsentwicklung.

Es ist nie genug. Gewöhnlich reicht nicht. Es muss mehr sein. Immer mehr. Außergewöhnlich mehr. Mehr, mehr, mehr. Weiter, weiter, weiter. Höher, schneller, toller. Uff….



Was wäre, wenn wir damit aufhören mehr zu wollen und stattdessen anfangen zufrieden zu sein?


Was wäre, wenn wir statt immer mehr zu wollen uns darauf fokussieren besser zu werden?

Was wäre, wenn wir das nutzen, was wir bereits haben und daraus etwas Neues machen?



"Ich glaube, dass für viele Menschen "klein" und "weniger" oft mehr als genug ist, sie es bloß nicht wissen, weil sie nicht im Kontakt mit sich selbst sind." sage ich. "Sie glauben den Stimmen im Außen, weil sie ihre eigene, innere Stimme nicht hören und in einer Gesellschaft leben, die ihnen vermittelt sie bräuchten mehr, um glücklich zu sein."


"Das kann schon sein. Aber ich wäre trotzdem gern ein Baum." sagt er und grinst.


"Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn es das ist, was du wirklich willst und es dich erfüllt, warum nicht? Wenn du ein Baum bist, dann sei ein Baum." antworte ich, lasse den letzten Schluck Tee in meinen Mund laufen und füge abschließend hinzu:



"Eine Blume zu sein ist deshalb aber nicht weniger erstrebenswert."



Eine weitere Tasse Tee und eine ganze Stunde später schlüpfe ich in meine Boots, wickle meinen Schal um den Hals und werfe einen letzten Blick durch den Raum. Eine schöne Wohnung, aber nicht das, wonach ich suche, denke ich und verabschiede mich — freundschaftlich.


Ich spaziere langsam die Straßen durch den Prenzlauer Berg entlang, entdecke ein paar Sterne am Himmel, halte Ausschau nach der nächsten U-Bahn-Station und lasse die letzten Stunden auf mich wirken.


Das ist das Schöne an WG-Besichtigungen, hier in Berlin — es können sehr spannende Begegnungen und Gespräche daraus entstehen.



fmv

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